Der Goldene Pick 2013

Der Goldene Pick ist ein Jugendliteraturpreis, der einmal jährlich von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und vom Verlag Chicken House für Manuskripte von Autoren vergeben wird, die zuvor noch nie etwas veröffentlicht haben.

Ins Leben gerufen wurde der Wettbewerb von Barry Cunningham, der als „Entdecker“ der „Harry Potter“-Autorin Joanne K. Rowling gilt und der damit jungen, unbekannten Autoren eine Chance geben wollte.

Pressemitteilung: http://www.carlsen.de/presse/pressemeldungen/der-goldene-pick-andrea-rings-gewinnt 

Die Begründung der Jury wurde am 30.11.2013 in einem Presseartikel in der FAZ veröffentlicht. Dieser Link führt zur Online-Version des Artikels.


 

Ursula Poznanski hält Laudatio

Laudatio für Andrea Rings

von Ursula Poznanski

Eines der Dinge, die ich am Autorenleben so sehr liebe, ist, dass man immer wieder Premieren erlebt. So wie ich, hier und heute. Das ist die erste Laudatio, die ich in meinem Leben halte, und zwar deshalb, weil ich im vergangenen Jahr erstmals Mitglied einer Jury war.

Ich stehe hier also als absoluter Neuling. Wenn man schreibt, ist das Leben voller erster Male, viele davon spielen sich nur im Kopf ab, aber eines der einschneidendsten, wenn nicht das entscheidendste überhaupt, ist die erste Buchveröffentlichung.

Als ich meine Teilnahme an der Jury zum „Goldenen Pick“ zugesagt habe, war das, ich gestehe es, hauptsächlich aus einem Motiv heraus: Spaß haben. Texte begutachten, einschätzen, bewerten. Einmal auf der anderen Seite des Schreibprozesses stehen. Auf der, die sich beeindrucken und erobern lassen will. Das hat, ich schicke es gleich voraus, geklappt. Ich wurde beeindruckt und erobert.

Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass sich, sobald ich die Manuskripte vorliegen hatte, mein spielerischer Zugang zum Jury-Sein ganz schnell relativieren würde, weil ich keinen einzigen der Texte nach dem Lesen weglegen konnte, ohne dass er mich noch ausgiebig beschäftigt hätte. Weil ich zwar tendenziell sehr schnell wusste, welchem der Manuskripte mein Herz gehört, aber gerne sicher gehen wollte, dass ich keinem der anderen Unrecht tue, dass ich nichts übersehen, überlesen, übergangen habe. Denn es ging ja um diese eine, entscheidende Premiere im Schriftstellerleben. Um die erste Buchveröffentlichung. Und da hatte Leo ganz klar die Nase vorn.

Denn Leo ist einfach schnell. Er ist der Held von Andrea Rings' Gewinnerroman „Parkour“, und er hat mich von Beginn an mitgerissen. Mich über Zäune, Friedhofsmauern und Grabeinfassungen, durch fremde Häuser und belebte Einkaufszentren und auf Baukräne gejagt. Denn Leo betreibt mit meisterhafter Geschicklichkeit eine ganz spezielle Art von Sport, die sich Parkour nennt und dem Roman seinen Namen gibt. Es ist eine Art der Fortbewegung mit durchaus philosophischem Hintergrund; es geht darum, auf möglichst effiziente Art von Punkt A nach Punkt B zu kommen und Hindernisse nicht zu umrunden, sondern im wahrsten Sinn des Wortes zu überwinden. Sich auf diese Weise über die baulichen Grenzen seiner Umgebung hinwegzusetzen. In Leos Leben abseits seines Hobbys erweist sich das Überwinden von Hindernissen dagegen als deutlich schwieriger. Seine Mutter ist schon vor so langer Zeit verschwunden, dass er sich kaum noch an sie erinnern kann; sein Vater liegt mit einem lebensbedrohlichen allergischen Schock im Krankenhaus. Als das Jugendamt sich Leos annehmen will, tut er das, was er am besten kann: rennen. Er ist auf seiner Flucht nicht auf sich allein gestellt, sondern hat drei sehr unterschiedliche Freunde an seiner Seite, und er hat ein Ziel: er will herausfinden, was mit seiner Mutter passiert ist und gleichzeitig will er einer mystischen Prophezeiung auf den Grund gehen. Zu guter Letzt überwindet Leo auf seiner Suche nicht nur greifbare Hindernisse, sondern auch die Grenzen zu einer anderen Welt. So wie Protagonist Leo hat auch seine Autorin, Andrea Rings, ganz offensichtlich eine Schwäche für hohes Tempo, das sie durchgängig hält, ohne dabei oberflächlich zu werden, ganz im Gegenteil: Jede ihrer Figuren ist lebendig, glaubwürdig und vielschichtig – Attribute, die in gleicher Weise für die Sprache des Romans gelten. Leos Verzweiflung ist ebenso greifbar wie sein Mut und den Wald, der in „Parkour“ eine so große Rolle spielt, konnte ich beim Lesen beinahe riechen. Es ist ein wirklich beachtliches Debüt, das mich nachhaltig beeindruckt hat. Auch deshalb, weil Andrea Rings ihr Anliegen – den achtsamen Umgang mit der Natur – sehr unaufdringlich in den Roman einarbeitet, ohne erhobenen Zeigefinger und ohne Besserwisserei.

Es bietet sich jetzt natürlich an – und ich kann dem auch nicht widerstehen – ein paar schnelle Parallelen zu ziehen, zwischen dem Titel des Siegerwerks und der Buchbranche, die durchaus etwas von einem Parkour haben kann. Als ich zu veröffentlichen begonnen habe, war ich davon überzeugt, auf dem Weg zu meinem schriftstellerischen Glück nur ein einziges Hindernis vor mir zu haben: den Verlagsvertrag. Das hat sich in der Folge als nicht ganz richtig herausgestellt, man stößt auch im Anschluss immer wieder auf Barrieren, einige massiver als andere – einige auch nur im eigenen Kopf. Vor manchen muss man mehrmals Anlauf nehmen, andere lassen sich beim ersten Mal überspringen, wieder andere ignoriert man am besten. Nichtsdestoweniger macht es einen riesengroßen Unterschied, ob man die Hürde eines Verlagsvertrags bei einem renommierten Haus genommen hat, oder nicht.

Liebe Andrea Rings, ich gratuliere Ihnen von Herzen zum Gewinn des „Goldenen Pick“ und damit gleichzeitig zum eleganten Überspringen der eben erwähnten Hürde, aber mindestens ebenso sehr gratuliere ich dem Verlag Chicken House, der durch die Vergabe dieses Preises eine so großartige Autorin für sich gefunden hat.

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